
Auf Reisen / Am Mississippi
Fotografie, Zeichnung, Video
„Auf Reisen“, Rathaus Stuttgart, 18.11.-15.12.24
Ausschnitt aus der Einführung von Vivien Sigmund, 15. November 2024
Es heißt ja – gerne mit warnend erhobenem Zeigefinger gesprochen – dass man auf Reisen immer auch sich selbst im Gepäck hat. Die möglicherweise angepeilte Flucht vor dem eigenen Ich scheint auch durch das Überqueren von diversen Landesgrenzen nicht wahrscheinlicher zu werden. Was für ein Glück für uns Kunstbetrachter*innen! Denn die drei Stipendiatinnen der GEDOK Stuttgart, deren Arbeiten wir hier sehen, haben ihr künstlerisches Gepäck ganz bewusst mit auf die Reise in Stuttgarts Partnerstädte bzw. nach Stuttgart genommen und es dort aufs Schönste mit Zeit, diesem so seltenen Gut, und neuen Eindrücken angereichert.
Das Werk der Stuttgarter Künstlerin Barbara Karsch-Chaieb ist von einer wundervollen Ambivalenz geprägt. Denn einerseits ist die sich im ewigen Erd- und Gesteinsreich ablagernde Geschichte von Menschen und Welt ihr künstlerischer Nährboden. Andererseits ist ihr Werk von Prozess geprägt, Wandelbarkeit, ist das Entstehende immer auch eine Reaktion auf den es umgebenden Raum. Aber möglicherweise ist das auch gar nicht ambivalent, sondern logisch konsequent, wenn ihre Werke sich wie Sedimente aus Teilchen des Umfeldes zusammensetzen. Ihre Reise nach St. Louis im vergangenen Jahr jedenfalls mutet fast schon detektivisch an, denn Barbara Karsch-Chaieb wandelte auf den Spuren von Karoline Friedericke Egler, der Tante von Karsch-Chaiebs Großmutter, die im 19. Jahrhundert von Stuttgart nach Amerika auswanderte. Ausgehend von einer Fotografie und einem Briefumschlag durchforstete die Künstlerin die Archive und fand heraus, dass aus Karoline Friedericke Egler durch Heirat und neue Heimat Carrie Jones wurde. Nach der Fotografie entstandene Porträts zeigen uns nun zeichnerische Annäherungen an diese Unbekannte oder schlichtweg Möglichkeiten von Frauen namens Carrie Jones. Auf jeden Fall aber Abbilder voller inhärenter, schillernder Geschichten. Auch in Karsch-Chaiebs Fotografien der „Abandoned Houses“, der vielen verlassenen und sich selbst überlassenen Häuser, die die amerikanischen Straßen säumen, schlummert gelebtes Leben neben gegenwärtiger Tristesse. Indes haftet den ehemaligen Wohnhüllen mit den bunten Farben und vernagelten Fenstern beinahe etwas Bildflächenhaftes, Gestaltetes, geradezu Collageartiges an. Aus Funktion wurde in den Fotografien reine Form, aus Leben im Lauf der Zeit Stillleben. In den Mixed Media-Papierarbeiten schließlich sehen wir die Auseinandersetzung der Künstlerin mit der Landschaft und ihren vielgestaltigen Verflechtungen mit den Menschen und ihrer Kultur, dem Heute und dem Gestern, dem Raum und seiner Veränderung.
Mit: Barbara Karsch-Chaïeb, Pia Maria Martin, Julia Ciolkowska,
Photo Credits Barbara Karsch-Chaïeb
VG Bild-Kunst Bonn, Barbara Karsch-Chaïeb.

